Üben, bevor es ernst wird: Lehren und Lernen mit Simulation in der Beratungsausbildung
Wer systemisch beraten lernt, kennt das Problem: Die Theorie ist schnell gelesen, die Haltung schnell bejaht. Ob eine zirkuläre Frage aber wirklich etwas öffnet, zeigt sich erst im Gespräch, und das will reichlich geübt sein.
Ein generelles Problem in der beruflichen Fort- und Weiterbildung ist dabei, dass Teilnehmer:innen sehr unterschiedliche Gelegenheiten vorfinden, um in Beratungsgesprächen zu üben.
Und ob man sich dann im Ernstfall auch traut, neue systemische Techniken auszuprobieren, steht noch einmal auf einem anderen Blatt.
Seit fast 20 Jahren nutzen wir deshalb mit dem BeraLab eine Lern- und Forschungsumgebung, in der Beratung unter realitätsnahen Bedingungen geübt und videografiert wird. Herzstück sind theaterpädagogisch vorbereitete Schauspieler:innen. Sie spielen semistandardisierte Fälle: Biografie und Anliegen sind festgelegt, die Reaktion auf die beratende Person ist es nicht. Wer gut fragt, bekommt mehr zu hören. Wer zu schnell löst, spürt die Zurückhaltung, die auch echte Klient:innen zeigen würden. Alle Fälle leben in Sorgstadt, einer fiktiven Stadt mit Beratungsstelle, Jugendamt, Akten und Sozialbericht. Das macht die Simulation so glaubwürdig, dass man das Schauspiel vergisst.
Neu sind die Ravatare (KI-gestützte simulierte Klient:innen, die per Chat ein Anliegen schildern und auf die Beratung reagieren wie ein Gegenüber mit eigener Geschichte). Sie werden mit einem aktuellen großen Sprachmodell betrieben und suchen in der Chatberatung von Sorgstadt rund um die Uhr Hilfe.
Schauspieler:innen und Ravatare ergänzen sich dabei, bis hin zur Simulation von hybriden Beratungsprozessen, in denen das persönliche Gespräch mit Chatberatung abwechselt. Und: Eine schwierige Gesprächseröffnung lässt sich beliebig wiederholen, bevor man sie im Präsenzgespräch wagt.
Neben Übungsgelegenheiten bietet die Simulation noch weitere Vorteile, zum Beispiel beim Nachweis von Kompetenzen. Die Medizin prüft praktische Kompetenzen schon lange mit Simulationspatient:innen, zunehmend auch die Psychotherapie. In der Beratungsweiterbildung stehen dagegen meist die Teilnahme und die schriftliche Fallreflexion im Mittelpunkt. Beides ist wertvoll. Das Beratungshandeln selbst lässt sich so aber nur indirekt zeigen.
Unser Ansatz ergänzt das Zertifikat um etwas Wesentliches, und das ist wichtig für Teilnehmer:innen, ihre Klient:innen und Arbeitgeber:innen: Wer in unserem Beratungslabor übt, hat am Ende Materialien, etwa ausgewählte Videosequenzen und schriftliche Reflexionen, die zeigen, was man geübt hat und kann.
Einige dieser Elemente werden wir auch im neuen Weiterbildungskonzept einbinden. Davon handelt unser nächster Beitrag.
Eva Maria Lohner und Marc Weinhardt