Künstliche Intelligenz: kein Ende in Sicht
Fachkommentar von Priv. Doz. Dr. med. Michael Hölzer zum KI-generierten Artikel "Beratung oder Psychotherapie? Wo verläuft eigentlich die Grenze?"
Wenn jemand noch daran gezweifelt hätte, dass Modelle künstlicher Intelligenz in der Lage sind, Sachverhalte, die auf Daten und Wissen beruhen, adäquat zusammenzufassen, muss wohl seine Ansichten diesbezüglich revidieren. Denn der vorliegende Text zu den Unterschieden zwischen Beratung und Therapie beweist durchaus das Gegenteil und klingt für interessierte Leser:innen in allen Teilen recht plausibel.
Nur bei näherem Hinsehen und bei kundigem Blick auf das bezüglich der Fragestellung verfügbare „Wissen“ wird man nachdenklich, handelt es sich bei den Begriffen der „Beratung“ und der „Therapie“ ganz offensichtlich um Kategorien, die keinesfalls eindeutig und damit trennscharf sein dürften. Ganz ähnlich gilt dies auch für die Konstrukte „krank“ und „gesund“, die so offensichtlich gesellschaftlichen Konventionen entsprechen, dass deren Relativität kaum zur Abgrenzung zweier Gesprächsformate dient, die vor allem gemeinsam haben, dass es sich um eine asymmetrische Beziehung handelt, in der eine den Konventionen entsprechende behandlungs- (therapie-) bzw. beratungsbedürftige Person durch eine behandlungs- bzw. beratungsbefähigte Person mit einer mehr oder weniger spezifischen Theorie und einem zu dieser Theorie korrespondierenden Ritual beeinflusst werden soll.
Und betrachtet man die Ausbildungsrichtlinien z.B. zu einem systemischen Berater im Vergleich zu einem systemischen Therapeuten wird man allenfalls quantitative, keinesfalls aber qualitative Unterschiede feststellen können, denn die systemischen Theorien (und Rituale) sind in beiden Fällen die gleichen.
Jerome Frank hat jedenfalls in seinem Buch über die „Heiler“ (1968) dieses Faktum der überwiegenden Gemeinsamkeiten zwischen Heilungsritualen (und seien es Psychoanalysen in New York oder Heilungsriten von Andenindianern) herausgearbeitet. Sinngemäß mit Loriot: „Auch die Alpen sind nichts Besonderes, wenn man sich mal die Berge wegdenkt“.
Noch bedenklicher sieht es mit dem Wissen um Krankheit und Gesundheit und den diesbezüglichen gesellschaftlichen Konventionen aus. Nimmt man das aktuelle „Diagnostische und Statistische Manual“ der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft zur Hand (DSM 5, die Vorlage für den bereits weitgehend fertiggestellten ICD11), dann stellt man fest, dass dieser um tausend Seiten dicker geworden ist (und um ein Kilo schwerer) als das 30 Jahre zuvor verabschiedete DSM 3. Allein die Diagnose einer „Depression“ lässt einen verzweifeln, bei der unter Verzicht auf Krankheitsursachen 9 Symptome aufgezählt werden, von denen Mann oder Frau unter 5 mindestens 2 Wochen gelitten haben muss: Mehr als 220 verschiedene Varianten ergeben sich und zwei Menschen müssen nur ein Symptom gemeinsam haben, um die gleiche Diagnose zu bekommen (und dass einige der für diese Kategorie verantwortlichen Fachleute mit der Pharmaindustrie vertraglich verbandelt waren, ist sicher kein Zufall). Ein Schelm wer Böses dabei denkt oder schlimmer noch diesen Konventionen blind vertraut.
In der Realität handelt es sich also bei Beratung und Therapie auf beiden Seiten der Gleichung um „relative“ Größen, die in der Realität bunt durcheinander gehen, je nach Perspektive. Gemeinsam ist beiden allerdings die Asymmetrie in der Beziehung und damit die Machtverhältnisse, mit denen durchaus auch Schaden angerichtet werden kann (von den Dunkelziffern emotionalen, ökonomischen oder sexuellen Missbrauchs einmal ganz zu schweigen). Gerade diese Unterschiede in den Aspekten Macht und Abhängigkeit zwingt zu besonderer Verantwortung in Ausbildung und Praxis „heilender“ Berufe, gleichviel ob es sich um Psychoanalytiker:innen oder Heilpraktiker:innen handelt und gleichviel ob diese „beraten“ oder „therapieren“.
Das Wissen zusammenzufassen ist das eine, das mag künstliche Intelligenz schneller und präziser können als der Fachmann. Das Wissen zu bewerten ist etwas ganz anderes, dazu braucht es Expertise und für die ist fortildung1 eine gute Adresse.