Zu groß für kleine Schultern! Über Parentifizierung und Triangulierung in Familien
Ein Artikel von unserem Kollegen Florian Rieger, Leiter von beratung1 - der Paar- und Familienberatung im Psychotherapeutischen Zentrum e.V.
„Sag du deinem Vater, dass er das endlich klären soll.“
„Frag deine Mutter, warum sie schon wieder so spät ist.“
„Du bist die Einzige, die mich versteht.“
Solche Sätze fallen oft nebenbei. Sie wirken harmlos. Manchmal sogar vertraulich. Und doch markieren sie eine Grenze, die Kinder eigentlich nicht überschreiten sollten.
In vielen Familien geraten Kinder ungewollt in Rollen, die nicht ihrer Entwicklungsstufe entsprechen. Sie werden zu Vermittlern, Vertrauten oder emotionalen Stabilisatoren. Zwei Begriffe beschreiben diese Dynamiken: Parentifizierung und Triangulierung.
Parentifizierung meint, dass Kinder Aufgaben oder Funktionen übernehmen, die eigentlich bei den Erwachsenen liegen. Manchmal ganz praktisch, indem sie Verantwortung für Geschwister oder Organisation übernehmen. Häufiger jedoch emotional. Ein Kind wird zur Zuhörerin für Beziehungsprobleme, zum Trostspender nach Streit, zur einzigen Person, „die mich wirklich versteht“.
Solche Kinder wirken oft besonders reif. Anpassungsfähig. Vernünftig. Doch diese Reife ist häufig erkauft durch das Zurückstellen eigener Bedürfnisse. Wer früh Verantwortung für das emotionale Gleichgewicht der Familie übernimmt, lernt schnell, sich selbst hintanzustellen.
Triangulierung beschreibt eine verwandte Dynamik. Hier wird ein Konflikt zwischen zwei Erwachsenen nicht direkt ausgetragen, sondern über das Kind. Botschaften laufen indirekt. Das Kind wird zum Überbringer von Forderungen oder zum stillen Bündnispartner.
Für das Kind entsteht ein Dilemma. Es möchte beiden Eltern gerecht werden. Es möchte Zugehörigkeit sichern. Doch egal, wie es sich verhält, es gerät innerlich unter Druck. Loyalität wird zur Zerreißprobe.
Wichtig ist: Diese Muster entstehen selten aus böser Absicht. Sie entstehen aus Überforderung, aus ungeklärten Verletzungen, aus der Not, Entlastung zu suchen. Systemisch betrachtet geht es nicht um Schuld, sondern um Dynamiken, die sich verselbstständigen.
Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Aber sie brauchen Eltern, die ihre Konflikte auf der Erwachsenenebene halten. Sie brauchen die Freiheit, nicht Vermittler sein zu müssen. Nicht trösten zu müssen. Nicht entscheiden zu müssen, auf wessen Seite sie stehen.
Manchmal braucht es einen Blick von außen, um zu erkennen, wo Kinder ungewollt zwischen die Fronten geraten oder Verantwortung tragen, die nicht ihre ist. Wenn Kinder zu Vermittlern werden, ist es Zeit, die Dynamik zu unterbrechen.
Wir bei beratung1 unterstützen Eltern dabei, Konflikte wieder auf die Erwachsenenebene zurückzuführen – damit Kinder den Raum behalten, den sie brauchen: den Raum, Kind zu sein.
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