Was unsere Herkunft mit unserem heutigen Handeln zu tun hat: Genogrammarbeit in Beratung und Coaching
Warum handeln wir heute so, wie wir handeln? Welche Erfahrungen haben uns geprägt? Und welche Seiten an uns, die wir vielleicht ablehnen, erzählen zugleich etwas über unsere Herkunft und unsere Ressourcen? Ein Genogramm kann helfen, solchen Fragen auf besonderer Weise nachzugehen.
Dabei ist ein Genogramm weit mehr als ein Stammbaum. Aufgrund der visuellen Darstellung macht es familiäre Beziehungen, Aufträge, Werte, Rollen, Muster und manchmal auch überraschende Parallelen sichtbar. Vor allem aber eröffnet es einen Raum für neue Perspektiven: auf die eigene Geschichte, auf die Familie – und auf sich selbst.
Diese Fragen begleiten psychotherapeutisches und beraterisches Denken schon lange. Während die Psychoanalyse den Blick unter anderem auf frühe Beziehungserfahrungen und biografische Prägungen richtete, entwickelte sich mit der systemischen Therapie eine Perspektive, die den Menschen immer auch in seinen Beziehungen und sozialen Kontexten betrachtet.
Die Genogrammarbeit verbindet auf besondere Weise beide Perspektiven. Sie lädt dazu ein, auf die eigene Geschichte zu schauen. Nicht, um darin eine eindeutige Ursache für das heutige Leben zu finden, sondern um Zusammenhänge zu entdecken, die bisher vielleicht unsichtbar geblieben sind.
Wie eine solche Arbeit aussehen kann und welche überraschenden Wendungen sie nehmen kann, zeigt die Geschichte von Herrn K.
Wie Herr K. Frieden mit seinem Vater schaffte
Herr K. kam im Rahmen eines Reha-Coachings zu mir. Hinter ihm lag eine Erschöpfungsdepression, weshalb er nun wieder in seinen Beruf zurückkehren wollte. Da er weiterhin unter somatischen Symptomen litt, traten die konkreten Fragen des beruflichen Wiedereinstiegs zunächst in den Hintergrund.
In einer Sitzung entstand die Idee, ein Genogramm zu erstellen.
Ein Stammbaum beantwortet vor allem die Frage: Wer gehört zu meiner Familie?
Ein Genogramm fragt darüber hinaus: Wie waren die Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern? Welche Muster und Rollen gab es? Welche Geschichten wurden in meiner Familie erzählt und welche Geheimnisse verschwiegen? Welche Werte und Überzeugungen wurden vermittelt? Welche Erfahrungen wurden möglicherweise über Generationen weitergegeben? Und welchen Platz hatte ich selbst darin?
Bei Herrn K. interessierte uns insbesondere die Frage: Welche Überlebensstrategie habe ich als Kind entwickelt und inwieweit hat diese Einfluss auf mein heutiges Sein?
Deshalb betrachteten wir seine Familiengeschichte aus der Perspektive seines zehnjährigen Ichs. Was wusste dieses Kind über seine Familie? Wer waren die wichtigen Menschen? Wem fühlte es sich verbunden? Wer war präsent und wer fehlte?
Schon diese Perspektive eröffnete einen anderen Zugang zu seiner Geschichte.
Wenn ein Vater kaum da ist
Herr K. war aus einer außerehelichen Beziehung seines Vaters mit seiner Mutter hervorgegangen. Sein Vater war zum Zeitpunkt seiner Kindheit kaum präsent. Die Beziehung seiner Eltern und insbesondere das Verhältnis zu seinem Vater beschrieb Herr K. als schwierig und verhärtet. Er war eine abwesende Figur in seiner Familiengeschichte und zugleich eine Figur, mit der sich viele negative Zuschreibungen verbanden.
Seine eigentlichen Bezugspersonen waren Frauen aus der Familie seiner Mutter. Sie hatten ihn in der Abwesenheit seines Vaters wesentlich mit aufgezogen. Herr K. beschrieb diese Frauen als einfühlsam, liebevoll und wertschätzend. Eigenschaften, die er auch an sich selbst schätzte.
Gleichzeitig gab es eine andere Erfahrung: Seine Mutter arbeitete viel, und trotz ihrer Bedeutung für ihn hatte er als Kind häufig das Gefühl, von ihr nicht wirklich gesehen zu werden. Es entstand damit ein sehr differenziertes Bild seiner Kindheit. Menschen waren nicht einfach „gut“ oder „schlecht“. Nähe und Abwesenheit, Fürsorge und Nicht-gesehen-Werden, Zugehörigkeit und Distanz existierten nebeneinander.
Genau diese Mehrdeutigkeit ist für die Arbeit mit einem Genogramm bedeutsam.
Das Genogramm als Landkarte
Ein Genogramm ist deshalb kein objektives Abbild einer Familiengeschichte. Es zeigt immer auch, wie ein Mensch seine Familie erlebt und welche Bedeutung er den einzelnen Beziehungen gibt.
Bei Herrn K. wurde beispielsweise deutlich, welche Eigenschaften er mit seinem Vater verband: Er beschrieb ihn als hart, egozentrisch, diszipliniert, karriereorientiert, kontrolliert und kalt. Seinen Vater hatte er innerlich weit von sich entfernt. Die Eigenschaften, die er mit den Frauen seiner mütterlichen Familie verband – Einfühlsamkeit, Wärme, Wertschätzung und Fürsorge – erschienen ihm dagegen als diejenigen, mit denen er sich identifizierte.
„Das habe ich von meinem Vater“
Als wir die Familiengeschichte mit seiner beruflichen Biografie in Beziehung setzten, zeigte sich, dass Herr K. selbst ausgesprochen karriereorientiert war. Seine Disziplin und seine Durchsetzungskraft hatten ihm im Berufsleben geholfen. Er hatte anspruchsvolle Positionen erreicht und viel geleistet. Eigenschaften, die er zunächst vor allem mit seinem Vater verbunden und an diesem abgelehnt hatte, waren gleichzeitig Teil seiner eigenen Geschichte. Herr K. musste nicht mehr zwischen „so möchte ich sein“ und „so möchte ich auf keinen Fall sein“ unterscheiden. Er konnte erkennen, dass auch die vermeintlich unerwünschten Seiten seines Vaters in ihm selbst vorhanden waren und dass sie nicht ausschließlich negativ waren, sondern Ressourcen.
Gleichzeitig zeigte sich, dass genau diese Eigenschaften einen Preis haben konnten. Herr K. definierte sich stark über Leistung und Anerkennung. Das vertraute Gefühl, viel zu leisten und dennoch nicht wirklich gesehen oder gewürdigt zu werden, spürte er in seinem beruflichen Leben wieder. Es wurde sichtbar, welche Bedeutung bestimmte Verhaltensweisen in seinem Leben bekommen hatten und welche Funktion sie möglicherweise einmal erfüllt hatten.
Solche Hypothesen sind keine Diagnosen, sondern Angebote, mit denen sich neue Perspektiven eröffnen lassen. Und genau darin liegt eine besondere Qualität systemischer Arbeit: Wir suchen nicht nach der einen Wahrheit über einen Menschen. Wir entwickeln Perspektiven, die einen Unterschied machen können.
Vom Problem zur Ressource
Was zunächst als problematisches Muster erscheinen kann, bekommt dadurch eine andere Bedeutung.
Das gilt für viele Themen, die Menschen in Beratung oder Coaching mitbringen.
- Warum fällt es mir so schwer, Verantwortung abzugeben?
- Warum brauche ich so viel Anerkennung?
- Warum muss ich immer funktionieren?
- Warum vermeide ich Konflikte?
Hinter solchen Verhaltensweisen können sich nicht nur Probleme, sondern auch Kompetenzen und früher einmal sinnvolle Anpassungsleistungen verbergen. Genogrammarbeit kann dabei helfen, diese unterschiedlichen Seiten gleichzeitig in den Blick zu nehmen. Welche gute Absicht, welche Funktion oder welche Ressource könnte darin verborgen liegen?
Ein anderer Blick auf den Vater
Für Herrn K. ging die Bedeutung der Genogrammarbeit schließlich noch weit über die Frage nach seinen eigenen Ressourcen hinaus. Im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung wurde deutlich, dass auch sein Vater sich in seinem Berufsleben stark verausgabt hatte. Er hatte viel gearbeitet und war schließlich an einem Herzinfarkt verstorben. Für Herrn K. entstand dadurch eine Verbindung, die er vorher so nicht gesehen hatte. Auch er definierte sich stark über berufliche Leistung. Auch er kannte die Tendenz, sich zu verausgaben. Und auch er hatte die Erfahrung gemacht, dass Leistung nicht automatisch dazu führte, sich gesehen oder anerkannt zu fühlen. Plötzlich erschien sein Vater nicht mehr nur als der harte, kalte und abwesende Mann aus seiner Kindheit. Er erschien als Mensch mit seiner eigenen Geschichte. Aus Ablehnung konnte Verständnis entstehen. Aus Distanz entstand ein Stück Verbundenheit. Und aus der Frage „Was hatte mein Vater mir nicht gegeben?“ wurde zunehmend auch die Frage: Was habe ich von ihm bekommen?
Im Rückblick auf den gesamten Coachingprozess berichtete Herr K., wie wichtig diese Auseinandersetzung für ihn gewesen sei. Die Arbeit mit dem Genogramm habe ihm nicht nur darin geholfen sein eigenes Handeln besser zu verstehen, sondern auch mit seinem verstorbenen Vater Frieden zu schließen. Für mich war dabei besonders eindrücklich, dass diese Wirkung nicht das Ergebnis einer „Aufarbeitung“ im Sinne einer abschließenden Erklärung war. Vielmehr hatte sich etwas in seiner inneren Landkarte verschoben. Der Vater war derselbe, seine Biografie war dieselbe geblieben. Aber Herr K. konnte seine Geschichte anders betrachten und damit auch sich selbst anders sehen.
Was Genogrammarbeit in Beratung und Coaching leisten kann
Genogrammarbeit wird häufig mit Familientherapie und der Bearbeitung familiärer Konflikte verbunden. Ihre Möglichkeiten reichen jedoch weit darüber hinaus. Auch im Coaching kann sie interessant sein, wenn Menschen sich mit beruflichen Entscheidungen, Rollen, Konflikten, Beziehungen oder wiederkehrenden Mustern beschäftigen.
Denn unsere berufliche Biografie beginnt nicht erst mit dem ersten Arbeitsvertrag. Unsere Vorstellungen davon, was Leistung bedeutet, wie viel Verantwortung wir übernehmen sollten, was Erfolg ist oder wodurch wir Anerkennung bekommen, entstehen häufig viel früher.
- Welche Vorstellungen von Arbeit gab es in meiner Familie?
- Was bedeutete Erfolg?
- Wer durfte Schwäche zeigen? Wer musste funktionieren?
- Welche Rollen wurden innerhalb der Familie übernommen?
- Welchen Auftrag habe ich mitbekommen?
- Welche Fähigkeiten haben Menschen entwickelt, um mit Krisen umzugehen?
- Und welche dieser Fähigkeiten stehen mir heute als Ressource zur Verfügung?
Das Genogramm kann helfen, solche Fragen sichtbar und besprechbar zu machen.
Zwischen Herkunft und Freiheit
Wir werden in Beziehungen, in bestimmten Zeiten und unter bestimmten Bedingungen zu dem, was wir sind. Wir übernehmen etwas, lehnen anderes ab, entwickeln eigene Strategien und machen aus unseren Erfahrungen unsere eigene Geschichte.
Systemische Arbeit interessiert sich genau für diese Zwischenräume.
Nicht: „Das ist so, weil dein Vater so war.“ Sondern eher: „Wenn du deine Geschichte aus dieser Perspektive betrachtest – was wird dann sichtbar?“ Vielleicht entdeckt jemand eine Ressource, die er bisher als Schwäche betrachtet hat. Vielleicht wird ein altes Beziehungsmuster verständlicher. Vielleicht werden die Wurzeln innerer Antreiber und Glaubenssätze sichtbar. Oder vielleicht wird gerade dadurch deutlich, dass man heute etwas anders machen möchte.
Genogrammarbeit als Einladung zur Neugier
Das Genogramm ermöglicht einen Perspektivwechsel und lädt dazu ein, Bekanntes neu zu betrachten. Und manchmal entstehen dabei überraschende Verbindungen. Wie bei Herrn K., der in seinem Vater plötzlich nicht mehr nur den abwesenden und schwierigen Mann aus seiner Kindheit erkannte, sondern auch Eigenschaften, die längst Teil seiner eigenen Identität geworden waren.
Im Seminar zur Genogrammarbeit in Beratung und Coaching geht es deshalb nicht nur darum, wie ein Genogramm aufgebaut wird. Im Mittelpunkt steht die praktische und theoretische Auseinandersetzung mit den vielfältigen Möglichkeiten dieser Methode: Welche Fragen können wir stellen? Welche Perspektiven können wir eröffnen? Wie lassen sich Ressourcen sichtbar machen? Und wie können wir mit dem Genogramm arbeiten, ohne vorschnell Erklärungen zu produzieren? Dabei begegnen sich unterschiedliche Traditionen des beraterischen Denkens: die biografische und analytische Frage nach dem Gewordensein und der systemische Blick auf Beziehungen, Wechselwirkungen und unterschiedliche Wirklichkeiten.
Und vielleicht entsteht genau dort das eigentlich Spannende: wenn aus der Betrachtung der Vergangenheit etwas Neues für die Gegenwart entsteht.
Häufige Fragen zur Genogrammarbeit
Was ist ein Genogramm?
Ein Genogramm ist eine grafische Darstellung einer Familiengeschichte über mehrere Generationen. Anders als ein klassischer Stammbaum zeigt es nicht nur, wer zu einer Familie gehört, sondern macht auch Beziehungen, Rollen, Werte, wichtige Lebensereignisse und wiederkehrende Muster sichtbar. So kann ein Genogramm neue Perspektiven auf die eigene Herkunft und deren mögliche Bedeutung für das heutige Leben eröffnen.
Wie funktioniert Genogrammarbeit?
Bei der Genogrammarbeit wird die Familiengeschichte gemeinsam betrachtet und visuell dargestellt. Dabei können neben familiären Beziehungen auch Erfahrungen, Rollen, Werte, Konflikte und wiederkehrende Muster eine Rolle spielen. Im Gespräch werden gezielt Fragen gestellt, die neue Zusammenhänge sichtbar machen können. Dabei geht es nicht darum, eine eindeutige Ursache für heutiges Verhalten zu finden, sondern unterschiedliche Perspektiven auf die eigene Geschichte zu entwickeln.
Was ist der Unterschied zwischen einem Genogramm und einem Stammbaum?
Ein Stammbaum zeigt vor allem, wer zu einer Familie gehört und wie die einzelnen Generationen miteinander verbunden sind. Ein Genogramm geht darüber hinaus: Es betrachtet auch die Qualität von Beziehungen, familiäre Rollen, Werte, wichtige Lebensereignisse und wiederkehrende Muster. Dadurch kann sichtbar werden, wie Menschen ihre Herkunft erlebt haben und welche Erfahrungen möglicherweise bis heute eine Bedeutung haben. Während der Stammbaum also vor allem die Familienstruktur abbildet, eröffnet das Genogramm einen vertieften Blick auf die Beziehungen und Geschichten innerhalb einer Familie.
Was kann Genogrammarbeit im Coaching leisten?
Genogrammarbeit kann im Coaching helfen, persönliche und berufliche Muster besser zu verstehen und neue Perspektiven auf das eigene Handeln zu entwickeln. Dabei kann beispielsweise sichtbar werden, welche Vorstellungen von Leistung, Erfolg, Verantwortung oder Anerkennung aus der Herkunftsfamilie geprägt wurden. Auch vermeintlich problematische Verhaltensweisen können dabei als früh entwickelte Strategien und zugleich als Ressourcen betrachtet werden. Das Genogramm liefert keine fertigen Erklärungen, sondern kann Impulse für Veränderung und neue Handlungsmöglichkeiten geben.
Für wen eignet sich Genogrammarbeit?
Genogrammarbeit eignet sich für Menschen, die sich mit ihrer Biografie, ihren Beziehungen oder wiederkehrenden Mustern auseinandersetzen möchten. Im Coaching kann sie unter anderem bei beruflichen Veränderungsprozessen, Fragen zu Führung und Verantwortung, Konflikten oder persönlichen Antreibern eingesetzt werden. Besonders interessant ist sie, wenn die Frage im Raum steht, welche Erfahrungen und Vorstellungen aus der eigenen Herkunft bis heute wirken und was davon bewusst weitergeführt oder verändert werden soll.