Nur richtig ist richtig und mehr bringt oft weniger.

Nur richtig ist richtig und mehr bringt oft weniger.

Von psychologischen Interventionen, wie sie in Beratung und Psychotherapie eingesetzt werden, wird oft angenommen, dass sie nebenwirkungsärmer oder sogar nebenwirkungsfrei sind.[1] Im Unterschied zu Medikamenten und Operationen hinterlassen psychologische Interventionen sehr selten organische Schäden oder Narben. Deshalb werden sie vorgezogen, wenn sie als Alternativen zu medizinischen Eingriffen möglich sind. Aber stimmt diese Annahme? In der Medizin hilft fast immer nur die richtige Behandlung und nicht die Anstrengung und der Zeitaufwand der eingesetzt wurde. Nach einem Schlangenbiss ist nur eine Injektion mit dem richtigen Gegenmittel lebensrettend. Man kann aus dem riesigen Arsenal an Mitteln aus dem Medikamentenschrank der Klinik viele Mittel in die Blutbahn spritzen, aber sie sind wirkungslos. Mehr bringt hier nicht mehr Gesundheit.

Bei psychologischen Maßnahmen wird oft die Bedeutung allgemeiner Wirkfaktoren als sehr zentral herausgestellt, die es bei medizinischen Maßnahmen natürlich auch gibt. Aber sie sind wohl weniger zentral. Die sogenannte therapeutische Beziehung wird als besonders bedeutsam über die Jahre immer wieder herausgestellt[2]. Sie verführt zu einer Überschätzung der eigenen Fähigkeiten.[3] Über 90% aller Berater:innen und Therapeut:innen schätzen sich als überdurchschnittlich ein. Bei der Beziehungsgestaltung um so mehr. Die Frage nach der richtigen Behandlung gerät dabei in den Hintergrund. Weit verbreitet ist: Wenn die Haltung und Beziehung stimmt, wird es schon gut werden. Dabei wird die Frage der richtigen Methode schnell stiefmütterlich behandelt. Vielleicht haben Medizin und Psychotherapie doch mehr gemeinsam, wenn es um das richtige Tun geht.

Kurzzeittherapie ist nicht grundsätzlich besser. Sie sollte aber öfter mit fokussierten Interventionen als Alternative zu langen Behandlungen oder Beratungen erwogen werden. Wie in der Medizin gibt es selbstverständlich die Notwendigkeit langer Behandlungen bei bestimmten Problemlagen. Allerdings ist auch hier festzustellen, dass bei vielen Störungen und Problemen, die als langwierig zu behandeln galten, auch kurze Behandlungen oft möglich sind.

Über Jahrzehnte galt die "Dosis-Wirkungs-Kurve" der Dose-Response-Forschung die zeigte:

  • Wesentliche Verbesserung der Symptome und Lebenszufriedenheit passiert in den ersten 5–10 Sitzungen
  • Nach 10–20 Sitzungen flacht die Kurve deutlich ab
  • Mehr Stunden bringen nur noch kleine Zugewinne
  • Das Verhältnis von Kosten und Nutzen wird immer schlechter
  • Patient:innen erreichen schon nach 8–12 Sitzungen eine klinisch relevante Verbesserung.

Heute wird das nicht mehr so gesehen. «Eine einzige Sitzung kann genauso gut wirken wie eine Therapie von 60 Stunden. Das ist kaum zu glauben.» Diese Erkenntnis zog Pim Kuijpers, ein führender Psychotherapieforscher, letztes Jahr in der Zeit aus eigenen Untersuchungen und Meta-Analysen zu Unterschieden in der Behandlungsdauer[4]. In seiner eigenen Langzeitstudie mit dem Schwerpunkt Depression wurden alle Therapien mit ihren Ergebnissen bis zu 60 Stunden erfasst. Dabei wurden die Ausprägungen der Symptome, ihre Verbesserungen der Symptomatik sowie weitere Daten zur Lebenszufriedenheit und sozialen Kompetenzen ausgewertet.

«Das ist kaum zu glauben» In einer Sitzung kann kaum eine intensive Beziehung aufgebaut werden. Oder vielleicht doch? Sicherlich trägt es zum Gelingen bei, wenn Behandler:in und Ratsuchende:r Sympathie für einander empfinden. Die Sympathie erklärt aber sicherlich nicht den Effekt. Die Wirkungen der einmaligen Bearbeitung/Therapie muss etwas damit zu tun haben, dass ein entscheidender Anstoß mit starken Auswirkungen auf das Leben erfolgt ist. Solch eine Wirkung kann nicht durch so etwas wie eine unspezifische, gute Beziehung bewirkt werden.

Bei systematischen Reviews, die kurz- und längerfristige Psychotherapien vergleichen, ist als wiederkehrendes Phänomen festzustellen: Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und generell unerwünschte Effekte sind nicht einheitlich definiert und oft gar nicht erhoben worden[5]. Diese Kritik betrifft vor allem ältere Studien[6]. Diese wollten vor allem die positive Wirkung zu Legitimation der Finanzierung und Anerkennung der Psychotherapie belegen. Das war historisch sinnvoll.

Jetzt ist allerdings eine andere Phase der Professionalisierung erreicht, die einen differenzierteren Blick erfordert. Arbeiten zur Erforschung von Nebenwirkungen in Psychotherapie durch RCTs zeigen, dass unerwünschte Ereignisse und Verschlechterungen vorkommen, aber nicht standardisiert erfasst werden und daher für Vergleiche zur Dauer und ihre Rolle im Prozess oft fehlen. 

Hier schließt die Arbeit von Kuijpers eine Forschungslücke. Sie belegt zumindest für Therapien zwischen 1und 60 Sitzungen bei unterschiedlichen Störungsbildern und Problemlagen, dass die Dauer in diesen Verläufen keinen Einfluss auf die Größe der erwünschten Effekte hat. Wahrscheinlich ist das auch bei Verläufen über 500 Stunden nicht anders. Länger hilft nicht mehr. Eine Studie in Österreich[7] zeigt sich darüber hinaus deutlich, dass wenig erfolgreiche oder gescheiterte Therapien oft mit erheblichen Verschlechterungen im Leben der Betroffenen einher gingen. Lange Therapien sind ein Risiko, wenn sie über längere Zeit zu keinen Verbesserungen führen. Neben dem unnötigen Leiden für Ratsuchende sollte auch der gesellschaftliche Schaden nicht übersehen werden. Mit unnützen Behandlungen werden anderen Klient:innen notwendige Maßnahmen und Hilfen vorenthalten. Deshalb ist das Erkennen negativer Entwicklungen[8] in Beratung und Therapie genauso wichtig wie das Wahrnehmen eingetretener Verbesserungen. Oft werden sie übersehen. In 20% der Prozesse treten „good enough Wirkungen“ schon nach einer Sitzung auf.[9] 

Die Weisheit: “gut Ding will Weile haben“ ist eine tückische Angelegenheit. Ich glaube weiterhin das Methoden einen wesentlichen Unterschied in Therapie und Beratung machen auch wenn es unerlässlich ist, eigene Anteile als Ressourcen und Behinderungen zu reflektieren. Nur richtig ist gut.

 

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[1] Märtens, Michael & Petzold, Hilarion (2002) Die schwierige Entdeckung von Nebenwirkungen. In: Märtens, Michael & Petzold, Hilarion (Hrsg.) Therapieschäden. Mainz: Matthias Grünewald-Verlag, 15-38

[2] Lambert, Michael J. & Barley, Dean E. (2008) Die therapeutische Beziehung und der Psychotherapieeffekt – eine Übersicht empirischer Forschungsergebnisse.  In:  Hermer, Matthias & Röhrle, Bernd (Hrsg.) Handbuch der therapeutischen Beziehung. Band 1: Allgemeiner Teil. Tübingen: DGVT, 109-140

Zimmer, Dirk (Hrsg.)(1983) Die therapeutische Beziehung. Weinheim: edition psychologie

Märtens, Michael, Liegl, Gregor & Leitner, Anton (2012) Die therapeutische Beziehung, der Therapieerfolg und die Stärkung der Patientenautonomie. Psychologische Medizin, 23 (1), 4-10.

[3] Walfish, Seven, McAlister, Brian, O’Donnell, Paul & Lambert, Michael J. (2010) Are all psychotherapists from Lake Wobegon?: An investigation of self-assessment bias in mental health providers. (Manuscript sub. for pub. Seiten 87 – 89 Beschreibung des Effekts in Lambert 2010)

Walfish, Seven, McAlister, Brian, O’Donnell, Paul & Lambert, Michael J. (2012) An investigation of self-assessment bias in mental health providers. Psychological Reports 110 (2) 639-644

[4] Kuijpers, Pim (2025) Das hilft wirklich gegen Depression. Psychotherapie oder Medikamente? Die Zeit, 27. März NR 13, 34 https://www.zeit.de/wq/2025-13#das-hilft-wirklich-gegen-depressionen

Juul, S, Jakobsen, JC, Jørgensen, CK, Poulsen S, Sørensen, P & Simonsen S (2023) The difference between shorter- versus longer-term psychotherapy for adult mental health disorders: a systematic review with meta-analysis BMC Psychiatry. 2023 Jun 16;23(1):438. doi: 10.1186/s12888-023-04895-6. PMID: 37328755; PMCID: PMC10273498

[5] Klatte, R., Strauss, B., Flückiger, C., Färber, F., & Rosendahl, J. (2022) Defining and Assessing Adverse Events and Harmful Effects in Psychotherapy Study Protocols: A Systematic Review. Psychotherapy. Advance online publication. http://dx.doi.org/10.1037/pst0000359

[6] Bergin, Allen E. & Lambert, Michael J. (1978) The evaluation of outcomes in psychotherapy. In: Bergin, Allen E. & Garfiel, Sol L. & Bergin, Allen E. (Ed.) Handbook of psychotherapie and behavior change. New York: Wiley & Sons, 139-189

[7] Leitner, Anton, Gahleitner, Silke Brigitta,  Märtens, Michael, Schigl, Brigitte, Gerlich, Katharina, Liegl, Gregor,  Hinterwallner, Heidemarie,  Koschier, Alexandra & Frank, Christina (2014) Die Rolle der Selbsterfahrung in der Psychotherapieausbildung – Endbericht. Fakultät für Gesundheit und Medizin, Donauuniversität Krems, www.donau-uni.ac.at/imperia/md/content/.../se-bericht_24.09.2014.pdf  

Leitner, Anton, Märtens, Michael, Koschier, Alexandra, Gerlich, Katharina, Liegl, Gregor, Hinterwallner, Heidemarie & Schnyder, Ulrich (2013) Patients’ perceptions of risky developments during psychotherapy. Journal of Contemporary Psychotherapy 43 (2) 95-105, http://dx.doi.org/10.1007/s10879-012-9215-7.)

[8] Hatfield, Dodds S., McCullough, L., Plucinski, A & Krieger, K. (2009) Do we know when our clients get worse? An investigation of therapists`ability to detect negative client change. Clinical Psychology & Psychotherapy. Advance oneline publication. Doi:10.1002/cpp656

[9] Carey, Tim A & Spratt, M.B. (2009) When is enough enough? Structuring the organisation of treatment to maximise patient choice and control. The Cognitive Behaviour Therapist 2, 211-226

Kadera, Scott W., Lambert, Michael J. & Andrews, Alison A. (1996) How much therapy is really enough? A session-by-session analysis of the psychotherapy dose-effect relationship. Journal of Psychotherapy Practice & Research, 5(2), 132-151

Barkham, Michael, Connell, Janice, Stiles, William B., Miles, Jeremy N.V., Margison, Frank, Evans, Chris & Mellor-Clark, John (2006) Dose-effect relations and responsive regulation of treatment duration: The Good Enough Level. Journal of Consulting and Clinical Psychology (74) 1, 160-167