Nähe gesucht, Rückzug bekommen

2026 10 Paardynamik Nähe Rückzug

Ein Artikel von unserem Kollegen Florian Rieger, Leiter von beratung1 - der Paar- und Familienberatung im Psychotherapeutischen Zentrum e.V.

WENN SCHUTZMECHANISMEN ZU BEZIEHUNGSMUSTERN WERDEN / TEIL 1

Warum aus dem Wunsch nach Sicherheit manchmal ein handfester Beziehungskonflikt wird.

„Können wir jetzt bitte endlich darüber reden?“ Sie steht in der Tür, er sitzt auf dem Sofa. „Nicht jetzt. Ich brauche einfach meine Ruhe.“ Sie lässt nicht locker. Schließlich muss das doch geklärt werden! Er fühlt sich zunehmend bedrängt, sie sich immer mehr zurückgewiesen. Die Stimmen werden lauter, die Vorwürfe heftiger. Irgendwann verlässt er wütend den Raum. Sie bleibt verletzt zurück.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Vielleicht sogar mit vertauschten Rollen? Willkommen in einer der häufigsten Konfliktdynamiken von Paarbeziehungen.

Einer flüchtet, der andere folgt

Was auf den ersten Blick wie mangelnde Gesprächsbereitschaft auf der einen und übertriebene Hartnäckigkeit auf der anderen Seite aussieht, hat oft einen tieferen Hintergrund. Beide Partner versuchen, mit einer unangenehmen emotionalen Situation umzugehen.

Allerdings auf völlig unterschiedliche Weise.

Der eine braucht Abstand, um sich zu beruhigen. Der andere sucht das Gespräch, weil gerade die ungeklärte Situation innere Unruhe auslöst. Beide wollen im Grunde dasselbe: sich wieder sicher und verbunden fühlen. Nur ihre Wege dorthin könnten unterschiedlicher kaum sein.

Gut gemeint. Schlecht gelaufen.

Jetzt wird es knifflig. Denn ausgerechnet das, was dem einen hilft, macht es für den anderen schlimmer.
Je mehr er sich zurückzieht, desto größer wird ihre Angst, mit dem Konflikt alleingelassen zu werden. Also drängt sie auf Klärung. Je mehr sie drängt, desto stärker fühlt er sich unter Druck gesetzt und zieht sich noch weiter zurück.

Ein Teufelskreis entsteht. Und irgendwann geht es längst nicht mehr um den ursprünglichen Streit. Es geht um das Gefühl, nicht verstanden, nicht gehört oder nicht respektiert zu werden.

Das Verrückte daran: Beide versuchen, sich zu schützen, und lösen dabei genau das Verhalten aus, unter dem sie selbst leiden.

Was wir sehen, ist nicht alles.

Hinter dem Rückzug steckt nicht unbedingt Gleichgültigkeit. Vielleicht hat jemand früh gelernt, dass Streit bedrohlich ist und Rückzug Sicherheit bedeutet.

Und hinter dem Drängen steckt nicht zwangsläufig Kontrollbedürfnis. Vielleicht ist es die Angst, den anderen zu verlieren, oder die Erfahrung, mit den eigenen Gefühlen allein zu bleiben.

Solche Schutzstrategien entwickeln wir häufig lange bevor wir unsere erste Paarbeziehung eingehen. Was früher einmal hilfreich war, kann später jedoch zum Stolperstein werden.

Raus aus der Endlosschleife!

Der entscheidende Schritt ist ein Perspektivwechsel: Weg von der Frage „Was macht mein Partner schon wieder falsch?“ hin zu „Was passiert da eigentlich zwischen uns?“

Eine vereinbarte Gesprächspause kann beispielsweise beiden helfen. Der eine bekommt Zeit, sich zu beruhigen. Der andere weiß, dass das Thema nicht unter den Teppich gekehrt wird.

In unserer Beratungsstelle erleben wir, wie entlastend es für Paare sein kann, solche wiederkehrenden Muster gemeinsam zu erkennen. Denn oft braucht es nicht noch mehr Argumente, sondern einen neuen Blick auf das, was zwischen zwei Menschen geschieht.

Nicht gegeneinander kämpfen, sondern miteinander das Muster verändern. Darin liegt eine echte Chance für die Beziehung.

In unserer neuen vierteiligen Serie „Wenn Schutzmechanismen zu Beziehungsmustern werden“ beleuchten wir typische Dynamiken in Paarbeziehungen. In der nächsten Ausgabe: „Wenn Helfen zur Falle wird“ – warum gut gemeinte Fürsorge manchmal mehr belastet als entlastet. 


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