Akzeptanz im Winterschlaf?
Ein Beitrag von Christian Flassbeck und Norbert Ruffing
Akzeptanz ist ein vielschichtiges Konzept, dem sehr oberflächlich betrachtet ein Geschmack von ausbleibender Wehrhaftigkeit, passiver Duldung, unzureichender Streitkultur, Konfliktvermeidung, oder ein „es mit sich machen lassen“ anhaftet. Dennoch ist der Begriff Akzeptieren allgegenwärtig und wird in sehr unterschiedlichen Kontexten genutzt. Spricht ein Präsident der Vereinigten Staaten, eine Vertreterin der Kirche, eine spirituelle Lehrerin oder der Vorstand eines großen Unternehmens von Akzeptanz, könnten sie damit etwas sehr Unterschiedliches zum Ausdruck bringen wollen und intendieren.
In der Psychotherapie hat der Akzeptanzbegriff eine lange Geschichte mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung. Er findet sich schon, um Beispiele zu nennen, in den psychoanalytischen Theorien von Sigmund Freud und in den humanistischen Ansätzen Carl Rogers. In der Entwicklung der Verhaltenstherapien gewann er mit der Rational-Emotiven Therapie nach Albert Ellis, später durch die Dialektisch Behaviorale Therapie von Marsha Linehan und namensgebend mit der Akzeptanz- und Commitment Therapie (ACT) von Steven Hayes „neues“ Ansehen und explizite Berücksichtigung im psychotherapeutischen Veränderungsprozess. Im Therapiemodell der ACT stellt Akzeptanz gleichzeitig therapeutische Haltung, Methode und ein zentrales Transformationsziel dar. Die ACT ist ein prozessorientiertes, weiterhin weniger ein didaktisch-edukatives, als ein erlebnis- und erfahrungsorientiertes Therapiemodell. Wir werden hier in diesem Beitrag dennoch etwas didaktisch vorarbeiten und freuen uns über Rückmeldungen, Reaktionen und Fragen dazu.
In den letzten Jahren verliert nach unserem Eindruck dieses tiefgründige und vielversprechende Konzept etwas an Aufmerksamkeit. Daher möchten wir als Verhaltenstherapeuten, die der Akzeptanz- und Commitment-Therapie nahestehen, mit diesem Beitrag Ihnen das mehrdimensionale Konzept wieder etwas näherbringen.
Aversive Szenarien, …oder: „Wenn die Superzoom-Einstellung Sie gefangen hält“
Überlegungen zu Akzeptanz können sich im therapeutischen Prozess sowohl auf den Ausgangszustand, den Transformationsprozess als auch den mehr oder weniger spezifisch definierten Zielzustand beziehen. Unsere Patient:innen kommen in die Therapie, da sie in prekären Lebenslagen mit einer besonderen Art bzw. einem umfangreichen Ausmaß von Schwierigkeiten bzw. Problemen zu tun haben. Das subjektive Krankheitsverständnis der Patient:innen für die entstandene schwierige Lebenslage ist schon mehr oder weniger „akzeptanzhaltig“. Die innere Not und das Leiden bilden den Ausgangspunkt für den:die Patient:in und den:die Therapeut:in, sich über die therapeutische Konversation in diese schwierigen und unangenehmen Bereiche hineinzubegeben, sich hiermit mehr und intensiver zu beschäftigen. Diese brenzliche Ausgangslage, die nur im Kontext vielfältiger Bedingungen zu betrachten ist, kollidiert speziell bei Aufsuchen einer Verhaltenstherapie noch mit der weit verbreiteten Auffassung, dass Verhaltenstherapeut:innen in der Lage wären, quasi „chirurgisch“ einzelne Symptome der leidenden Patient:innen auf die Schnelle und störungsspezifischen Manualen folgend entfernen zu können, damit eine Art Lebensverbesserung erreichen, ohne die Komplexität menschlicher Verhaltensweisen in einem pluriformen Leben anzurühren. Akzeptanz geht allerdings weder mit Schnelligkeit noch mit dem Entfernen von Symptomen einher.
Die schwierigen Erlebnisse im Lebensalltag der Patient:innen führen bei ihnen häufig zu einem hohen Ausmaß an Inflexibilität im Verhalten. Je unangenehmer bzw. schmerzlicher die vorhandenen aversiven Szenarien sind, desto automatischer bzw. reflexhafter werden die hieraus folgenden Reaktionen verlaufen. Aversive Stimuli, die oft noch nicht einmal als solche identifiziert werden, haben die Wirkung eines „Superzoom“, der in der Folge die Verhaltensspielräume sehr eng werden lässt. In nur schwer erträglichen zwischenmenschlichen Konfliktsituationen, die nicht in einem „Aufwasch“ und ein für alle Mal zu erledigen sind, werden z.B. Rechtfertigungen, Vorwürfe, feindlich gestimmtes Recht haben wollen, zirkuläre Klärungsversuche und Diskutieren zu starren Verhaltensmustern, die eine Eskalation vorantreiben. Je automatischer derartige Verhaltensweisen durch unangenehme, aversive Ereignisse bei uns ausgelöst werden und je größer der Mangel an Akzeptanz in dieser emotionalen Wildnis ist, desto unwahrscheinlicher wird ein Innehalten und eine sich hieraus ergebende Suche nach möglichen alternativen und eher kleinschrittigen Reaktionsweisen. Parallel hierzu verringert sich unsere Sensibilität gegenüber anderen Ereignissen des Kontextes, in dem diese Szenarien stattfinden. Unser Fokus ist auf den aversiven Aspekt der Situation konzentriert, andere Details geraten in den Hintergrund oder werden nicht wahrgenommen.
Mit dem Blick durch die biologische Linse bzw. in phylogenetischen Begriffen macht dieses automatische, intuitive Verhalten auf aversive Szenarien bei uns Menschen großen Sinn: Wenn wir in der Savanne auf einen Löwen treffen, ist das Verhalten von "weglaufen" äußerst sinnvoll und weiterführend, unser Blick ist hierbei fixiert auf den Fluchtweg, der möglichst schnell in die sichere Behausung führt. Andere Aspekte des Kontextes (z.B. Schönheit der Landschaft, angenehme Witterungsbedingungen oder Reichtum an essbaren Früchten) werden auf der Flucht hierbei keine Bedeutung haben.
Während dieses übliche Verhalten der Vermeidung und Verminderung aversiver Szenarien in unserem Leben häufig äußerst bedeutsam und effektiv ist, kollidiert in anderen Lebenssituationen dieses Muster von Erlebnisvermeidung jedoch mit der Art von Leben, das wir anstreben bzw. für uns bedeutsam ist.
- Wenn ich an einem heißen Tag unter großer Hitze („aversiver Reiz“) zu leiden habe, ist es sicherlich günstig, sich möglichst schnell einen schattigen Platz zu suchen („Vermeidungsverhalten“), oder möglicherweise in ein Gartenlokal zu gehen, um ein erfrischendes Kaltgetränk zu sich zu nehmen. Wenn ich in der Sonne in einer Schlange stehe, um ein Ticket für eine Theateraufführung zu erwerben, kann das beschriebene Verhalten des Verlassens der Warteschlange und des Aufsuchens eines schattigen Aufenthaltsortes dazu führen, dass ich auch auf den Besuch der Theateraufführung verzichten muss.
- Wenn eine Ehefrau wütend darüber ist, dass ihr Ehemann sehr spät nach Hause kommt, wird sie hierauf möglicherweise mit Vermeidung (schweigen, sich zurückziehen) oder im Sinne eines verbalen Bekämpfens (Vorwürfe machen, Drohungen aussprechen, beschuldigen oder beleidigen) reagieren. Ihr verbales Verhalten enthält dann die aversiven Reize für den Ehemann, auf die dieser mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls mit einem Verhalten von Vermeidung oder von verbalem Kämpfen reagieren wird. Hieraus droht eine eskalierende Spirale von aversiven Reaktionen und aversiven Gegenreaktionen, parallel zu einer fehlenden Verbindung der beiden miteinander, einer Distanzierung und Abkühlung der Beziehung und nachfolgenden Entfremdung der beiden zueinander.
- Ein noch schwierigerer Kontext würde darin bestehen, wenn wir durch nächtliches Erwachen geplagt werden, und auf dem Hintergrund von beunruhigenden, traurig stimmenden Gedanken und Erinnerungen an erlittene Verluste in der Vergangenheit nicht mehr in den Schlaf finden. Derartige aversiven Szenarien durch Entspannungsverfahren zu entschärfen oder durch gedankliche Strategien zu verändern, wird einerseits häufig propagiert, erweist sich aber selten als weiterführend oder effektiv.
Akzeptanz als Reaktion, … oder: „Die Waffen strecken“
Wir können uns der Bedeutung von Akzeptanz aus Perspektive der ACT dadurch nähern, dass wir verdeutlichen, was Akzeptanz nicht ist. Akzeptanz muss von Zustimmung, von Wollen und Mögen bzw. Billigung unterschieden werden. Weiterhin wäre es ein großes Missverständnis, Akzeptanz mit Resignation zu verwechseln. Bei Akzeptanz geht es gerade nicht darum, zu resignieren und das eigene Leben und die damit einhergehenden Möglichkeiten aufzugeben, geschweige denn zu kapitulieren, sondern dass diese im Gegenteil zugänglich werden oder zugänglich gemacht werden.
In psychotherapeutischen Praxisalltag erhalten unsere Patient:innen häufig therapeutische Botschaften, wie beispielsweise „Sagen Sie offen und ehrlich, was Sie fühlen“, „Reagieren Sie authentisch“, „es ist wichtig sich durchzusetzen, sich zu wehren, auf sein Recht zu bestehen, oder „sich nichts gefallen zu lassen“.
In derartigen eher kämpferisch klingenden Äußerungen können sowohl Aspekte von Akzeptanz enthalten sein, aber auch Aspekte von erlebnisorientierter Vermeidung. Eine mehr oder weniger vorhandene „Akzeptanz- und Vermeidungshaltigkeit“ findet sich demnach beispielsweise in therapeutischen Äußerungen, Zielfiktionen und methodischen Vorgehensweisen.
Gerade in Interaktionen zwischen zwei Beteiligten vermischen sich diese Szenarien häufig, tendenziell aber eher zuungunsten von Akzeptanz. Die hierin mehr oder weniger implizit enthaltenen Veränderungsschritte führen häufig nicht weiter oder nicht in erwünschte Richtungen.
Im Gegensatz zu den oben genannten drei Beispielen des Umgangs mit aversiven Situationen im Sinne eines Vermeidens, ein über sich ergehen lassen oder eines Bekämpfens bedeutet Akzeptanz, dass man im Hinblick auf die verschiedenen Aspekte des Erlebens eine offene, rezeptive, nicht-urteilende und auf körperlicher Ebene bspw. eine „atmungsaktive“ Haltung einnimmt. Etwas blumig formuliert widersteht die Akzeptanz dem Drang zur einfachen Etikettierung mit ihrer „Grautönefeindlichkeit“ in komplexen Lebenswelten. Akzeptanz bereitet ohne innere Widerrede gegen das, was existiert, den Boden für die Wahrnehmung wichtiger Nuancen, wenn wir uns im aversiven Terrain bewegen.
Bei Akzeptanz geht es in einem initialen Schritt für uns alle darum, nicht sofort, nicht zu schnell und weniger automatisch und reflexhaft im Sinne unserer natürlichen, tiefverwurzelten und intuitiven Neigung eines Bekämpfens oder eines Vermeidens von unangenehmen und schmerzlichen Erfahrungen und Ereignissen zu reagieren, um damit auch mit einem „Wissen, was zählt“ in Kontakt zu kommen. Wir setzen uns gleichsam selbstverpflichtend ins „Wartezimmer“, bevor es zum Aufruf einer nächsten Aktion kommt.
Vorläufige Schlussbetrachtung
Akzeptanz ist eine alternative oder ergänzende Reaktion zu dem Kampf-Fluchtmodus des menschlichen Verhaltens auf schwieriges Erleben und aversive Erfahrungen. Sie stellt einen Bruch mit den Instinkten dar, bewahrt vor blindem Aktionismus und kann daher auch als kulturelle Leistung verstanden werden. In jede Begegnung von uns mit anderen, von uns Therapeut:innen mit unseren Patient:innen, in jedes Miteinander unserer Patient:innen in ihrer sozialen Lebenswelt spielt sich das Thema Akzeptanz ein, oder es zeigt sich der Mangel von Akzeptanz. Die entscheidende Auswirkung bezieht sich demnach gerade auf das, was mit „Achtsamkeit für zwei“ bezeichnet wird. Hierbei geht es um eine andere Art zuzuhören und zu sprechen, um ein aufmerksames Zuhören und Sprechen, jenseits eines meist irreführenden sofortigen Bescheidwissens, gerade dann, wenn es hart und schwierig wird. Wenn der andere mir das eigene Herz ausschüttet, möglicherweise damit auch Selbsterlebtes in mir berührt, geht es darum, nicht nur die Hälfte davon, oder noch weniger davon zu hören oder wahrzunehmen. Akzeptanz ist demnach unabdingbar dafür, dass wir für andere nuanciert und feinfühliger da sind, wenn sie sich auf einem schwierigen Weg befinden.
Weitere Informationen
Wer mehr über die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) erfahren möchte, für den gibt es am 13. - 14.11.2026 einen Basis-Workshop: