„Gut bei sich sein.“

„Gut bei sich sein.“

Warum Selbstklärung die Grundlage wirksamer Moderation und Beratung ist.

Wer eine zweijährige systemische Ausbildung durchläuft, erwartet Werkzeuge, Modelle und Methoden. So war es zumindest bei mir. Am Ende bleibt jedoch oft etwas viel Einfacheres und zugleich Wichtigeres zurück. Eine Essenz, die einen in der Zeit nach der Ausbildung, also im aktiven Tun, wie ein innerer Kompass begleitet.

In meinem Fall war das die Haltung, unterschiedliche Perspektiven zulassen zu können, möglichst frei von eigenen Bewertungen. Gepaart mit einem inneren Aufpasser, der immer mal wieder fragt:

„Bist du gerade gut bei dir?“

Das klingt zunächst nicht nach einer spektakulären Kompetenz oder Methode. Und doch entscheidet genau diese kleine Frage maßgeblich darüber, ob Moderation, Beratung oder Mediation wirken kann und ob man selbst wirksam ist.

Was die Praxis immer wieder zeigt: Wenn es uns als Berater:innen innerlich nicht gut geht, kann es in Workshops auch der Gruppe nicht gut gehen. Oder zumindest wird diese Unwucht früher oder später spürbar und führt selten zu etwas Konstruktivem.

Die äußeren Rahmenbedingungen machen es derzeit nicht leicht, in Beratungsprozessen Stabilität herzustellen. Viele Unternehmen stehen spürbar unter Druck. Wenig Planbarkeit, Märkte in Dauerbewegung, KI usw. BANI* lässt grüßen. Es gilt, gute Entscheidungen zu treffen, Komplexität zu reduzieren und für Stabilität zu sorgen. Und das, während all die Einflussfaktoren genau dies erschweren.
Mit Blick auf all diese Aspekte wächst in Workshops der Wunsch nach Klarheit und oft auch nach möglichst schnellen Antworten.

Genau hier zeigt sich, wie zentral die innere Ruhe und Stabilität von Berater:innen ist. Wer selbst unter innerem Druck steht, neigt dazu, Konflikte vorschnell zu glätten und möglichst zügig zu Antworten zu kommen. Dann aber wird die eigene Unruhe Teil des Systems. 

Gut bei sich zu sein bedeutet in diesem Kontext, die innere Stimme bewusst wahrzunehmen und sie nicht direkt und ungeprüft in eine Handlung zu übersetzen. Selbstklärung zeigt sich im Beratungsalltag selten offensichtlich. Es ist die verstärkte Bereitschaft, Spannung im Raum stehen zu lassen. In der Haltung, zwischen dem eigenen Bedürfnis nach Klarheit und dem tatsächlichen Bedarf der Gruppe zu unterscheiden.

Viele Berater:innen kennen den Impuls, etwas liefern zu müssen, denn dafür werden wir ja letztlich honoriert: „Das ist die alles entscheidende, kluge Frage oder Intervention. Danke, für den tollen Impuls!“ Das hört man doch am liebsten als Berater:in. 

Doch wirksam wird man, indem man Ruhe in die Unruhe bringt und die Fähigkeit entwickelt, den Moment etwas länger auszuhalten, bevor man interveniert. Das beginnt bei einem selbst z.B. durch das bewusste Unterbrechen eigener Automatismen oder dem Beruhigen innerer Antreiber.

Hilfreich sind also kleine, innere Interventionen. Konkret: kurze Pausen im laufenden Prozess, in denen eben nichts entschieden werden muss. Ein bewusstes Innehalten, bevor ein Konflikt gespiegelt wird. Bewusstes Atmen gehört definitiv dazu, nicht als trainierte Technik, sondern als Rückkehr in den eigenen Körper. Denn der Körper signalisiert ja meist frühzeitig, was gerade mit einem selbst los ist.

Es ist wie eine Einladung. Sie zu hören und anzunehmen wird eigentlich immer belohnt.

Ein weiteres Hilfsmittel ist eine klare Struktur für sich selbst und damit für die Gruppe. 
Das hat mir der 1-wöchige Aufenthalt in einem Benediktiner Kloster gezeigt. Der strikte Tagesrhythmus der Mönche zeigt schnell Wirkung, weil er Entscheidungen abnimmt. Solch feste Strukturen wirken auf den ersten Blick immer etwas ungewohnt. Gleichzeitig gliedern sie die Zeit und schaffen dadurch Klarheit und Ordnung. Und man muss nicht permanent neu entscheiden. Übertragen auf Beratung bedeutet das klare Prozessarchitekturen, wiederkehrende Rituale und bewusste Übergänge.

Und das erstmal für sich selbst. Das überträgt sich auch auf die Gruppe.

Gut bei sich zu sein heißt nicht, sich zurückzuziehen. Es ist kein Luxus und kein egoistischer Akt. 
Es ist eine Form professioneller Verantwortung. Denn nur wer innerlich präsent ist, kann Spannungen aushalten und im Verlauf der Begleitung Orientierung ermöglichen.

„Gut bei sich sein“ ist keine Kompetenz im klassischen Sinne. Aber es ist die Grundlage professioneller Begleitung. Gerade in bewegten Zeiten. Wie gut sind Sie eigentlich gerade bei sich?

 

* BANI ist ein von Jamais Cascio geprägtes Akronym und beschreibt aktuelle gesellschaftliche und organisationale Rahmenbedingungen als brittle (brüchig), anxious (ängstlich), nonlinear (nichtlinear) und incomprehensible (schwer verständlich); es gilt als Weiterentwicklung des VUCA-Modells.